Ende der 1960er-Jahre gab der Boden bei Feldarbeiten und tiefen Grabungen in der Landschaft um Fratta Polesine Fragmente frei, mit denen niemand gerechnet hatte. Es waren nicht die Reste eines einfachen Bauerndorfs. Es war der Beginn der Entdeckung von Frattesina.
Zwischen dem 13. und dem 10. Jahrhundert vor Christus lag hier, am Ufer eines alten Po-Arms, ein Ort, den Archäologen als einzigartig in der italienischen Frühgeschichte bezeichnen. Eine Stätte handwerklicher Produktion in nahezu industriellem Maßstab, an der Metalle und Hirschgeweih verarbeitet und Glas hergestellt wurden.
Das Rätsel liegt in den Materialien. Neben dem, was die Gegend bot, gelangten Bernstein, Elefantenelfenbein und Straußeneier nach Frattesina. Rohstoffe von weit her, über Routen, die die Poebene mit dem Mittelmeer und mit Mitteleuropa verbanden. Wie und durch wessen Hände sie reisten, ist eine der Fragen, die die Forschung bis heute beschäftigen.
Das erstaunlichste Stück ist der sogenannte „Tesoretto“ (Kleiner Schatz): Elfenbeinkämme, Glas- und Bernsteinperlen, Bronzeschmuck, zusammen aufbewahrt. Ein kleines Schatzkästchen, das vom Reichtum und von den Kontakten dieser Gemeinschaft erzählt.
Nicht weit entfernt bergen die Nekropolen Le Narde und Fondo Zanotto Hunderte von Gräbern, fast alle Brandbestattungen. Die Grabbeigaben, verschieden bei Männern, Frauen und Kindern, lassen eine bereits gegliederte Gesellschaft erahnen.
Manche denken beim Bernstein von Frattesina an den Mythos von Phaethon und seinen Schwestern, den Heliaden, deren Tränen am Ufer des Eridanos zu Bernstein geworden sein sollen. Der Mythos ist viel jünger und hat hier nicht seinen Ursprung. Doch es ist eine reizvolle Vorstellung, dass Jahrhunderte vor den griechischen Dichtern am Po tatsächlich Bernstein von Hand zu Hand ging.
Um diese Funde zu sehen, betritt man die nördliche Barchessa der Villa Badoer, Andrea Palladios Meisterwerk in Fratta Polesine. Seit 2009 beherbergt sie das Museo Archeologico Nazionale: im Erdgeschoss der Alltag der Bronzezeit, im Obergeschoss die Nekropolen.




