Wer die Via X Luglio entlanggeht, zwischen der Piazza Garibaldi und der Piazza Annonaria, dem alten Marktplatz, läuft leicht an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sie hat keinen Kirchplatz. Sie hat keine richtige Fassade. Der Stadt zeigt sie nur eine Flanke, wie jemand, der lieber nicht auffallen will. Und doch verbirgt sich hinter dieser Mauer einer der vielschichtigsten Orte im Zentrum von Rovigo.
Ein Testament und ein Spital
Ihr offizieller Name lautet Sant’Antonio Abate, und anfangs hatten die Dominikaner nichts mit ihr zu tun. In den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts mussten die Brüder Casalini ein Testament erfüllen: Sie sollten das Spital Sant’Antonio wieder aufbauen, 1413 gegründet und später durch einen Brand zerstört. Neben dem Spital entstand die Kirche. Nach dem Lokalhistoriker Montacciani wurde sie zwischen 1505 und 1516 errichtet, mit nur zwei Altären: einem für den heiligen Antonius, dem anderen für die Heiligen Lucia, Sebastian und Rochus.
Darum scheint sie sich zu verstecken. Sie ist nicht entstanden, um an einem Platz zu stehen, sondern als Kapelle eines Spitals, eingezwängt zwischen anderen Gebäuden. Ihr kleines Geheimnis hat eine historische Erklärung.
Das Geschenk an die Predigerbrüder
Die Casalini führten den Ort allerdings nicht gut. Die Dokumente jener Zeit berichten, dass in der Kirche einige Frauen Unterschlupf fanden und dass im wiederaufgebauten Teil Prostituierte lebten. Also beschloss die Familie, alles den Predigerbrüdern zu übergeben, wie die Dominikaner auch heißen. Es war eine praktische Entscheidung: Kirche und Spital sollten einem Orden anvertraut werden, der sie zu bewahren wusste.
Am 29. April 1542 nahm das in Venedig versammelte Provinzkapitel der Dominikaner das Geschenk an. Im Juni 1543 übernahmen die Brüder den Komplex. Am 23. September desselben Jahres wurde die Kirche geweiht.
Altar um Altar
Mit den Dominikanern wuchs der Komplex. 1551 entstand rechts vom Hochaltar eine Kapelle, die Bonaventura Casalini überlassen wurde. In denselben Jahren nahm der Altar der Madonna del Rosario Gestalt an, der Rosenkranzmadonna, einer typischen Andacht des Ordens. 1563 schmückte ihn ein Altarbild auf Leinwand, das Pietro Paolo de' Paoli in Auftrag gegeben hatte.
1627 genehmigte der Orden die Erweiterung von Kirche und Kloster, bezahlt von Andrea Redetti, und die Zahl der Brüder stieg auf acht. 1633 wurde das Kloster ein eigenständiges Priorat. Zwischen 1641 und 1644 kam eine Kapelle hinzu, spiegelbildlich zu jener der Casalini, mit einem steinernen Altar für den heiligen Antonius. In der älteren Kapelle stand ein hölzerner Altar des heiligen Liberalis. 1687 schließlich folgte der Altar des heiligen Dominikus. In weniger als anderthalb Jahrhunderten war aus der kleinen Spitalkapelle eine Klosterkirche geworden, reich an Altären und Andachten.
Vom Kloster zum Marktplatz
Die dominikanische Geschichte endete im 18. Jahrhundert. 1767 hob die Republik Venedig das Kloster auf, weil sie es für zu klein hielt. 1770 verließen die Brüder die Stadt. 1810 kamen auch noch die napoleonischen Gesetze gegen die Orden.
Nach dem Sturz Napoleons war es ein Bischof, der die Türen wieder öffnete. Im September 1815 erreichte Bischof Molin, dass die Kirche wieder für den Gottesdienst genutzt wurde. In weniger als fünfzig Jahren hatte die Kirche ihre Brüder verloren, ihre Türen geschlossen und sie dann wieder geöffnet. Das Kloster nahm einen anderen Weg. Den Quellen zufolge wurde es zur Kaserne der Guardia di Finanza, der italienischen Finanzpolizei, und blieb es bis 1857. Dann wurde es abgerissen, um Platz für die Markthalle zu schaffen, die später in den Besitz der Stadt überging. Wo die Brüder einst beteten und lebten, öffnet sich heute die Piazza Annonaria.
Die Spuren, die bleiben
Die Kirche wurde mehrmals restauriert: 1887 das Dach, 1889 die Fresken des Chors und der Seitenkapellen. 1906 brach man zwei große Fenster in die Ostwand. Eine jüngere Restaurierung hat an einer Innenmauer der Piazza Annonaria ein großes Portal freigelegt. Es ist der letzte Faden, der die Kirche noch mit dem verschwundenen Kloster verbindet.
Heute ist San Domenico für Gottesdienste geöffnet, und einige Online-Einträge nennen sie einen Ort der ewigen eucharistischen Anbetung. Wer hier eintritt, durchquert fünf Jahrhunderte mit wenigen Schritten: vom Spital der Casalini über die Brüder des Rosenkranzes bis zur Stadt des Marktes.




