Man sieht ihn weit über die Ebene des Polesine. Der Glockenturm des Doms Santa Sofia, der Hauptkirche von Lendinara, ist samt dem Engel auf der Spitze 92,5 Meter hoch. Die Region Venetien zählt ihn zu den höchsten Italiens. Für den FAI, den italienischen Denkmalschutzverband, ist er der zweithöchste Venetiens nach dem Campanile von San Marco in Venedig.
Vom Oratorium zum Dom
Die Kirche hat alte Wurzeln. Nach der Überlieferung, die die regionalen Beschreibungen wiedergeben, entstand sie auf den Resten eines heidnischen Tempels und wurde 1070 als Oratorium der Familie Cattaneo erbaut. Im Lauf der Jahrhunderte verfiel sie. Im 18. Jahrhundert wurde sie erweitert und neu gebaut. Die heutige Fassade entspricht nur zum Teil dem ursprünglichen Entwurf, wegen Umbauten zwischen dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das Innere ist dreischiffig und endet in einer großen Apsis mit Kuppel. Die Fresken begann 1796 der Veroneser Maler Giorgio Anselmi. Laut dem Dizionario Biografico degli Italiani starb Anselmi am 30. März 1797, während er die Pfarrkirche von Lendinara ausmalte.
Eine Madonna aus Venedig
Das meistdiskutierte Werk des Doms ist eine Holztafel: die „Thronende Madonna mit Kind und musizierendem Engel“ von Domenico Mancini, signiert und datiert 1511. Es ist das einzige bekannte Werk des Malers. Es wiederholt mit geringen Abweichungen das Altarbild von Giovanni Bellini für San Zaccaria in Venedig von 1505. Das Gesicht des lautespielenden Engels erinnert dagegen an ein Fresko Tizians für den Fondaco dei Tedeschi.
Die Tafel entstand nicht für Santa Sofia. Sie war der Mittelteil eines Triptychons in der Kirche San Francesco in Lendinara. Nach der Aufhebung des Franziskanerklosters 1769 wurde das Triptychon zerlegt. Der Mittelteil kam nach Santa Sofia, wo er 1795 belegt ist. Die beiden Seitentafeln gelten heute als verschollen.
Der Turm und der Engel
Den Turm entwarf der Architekt und Priester Francesco Antonio Baccari, der zwei Entwürfe vorlegte: Gewählt wurde der mit quadratischem Grundriss. Die Arbeiten begannen 1797 und kamen wegen des sumpfigen Bodens nur langsam voran. Laut FAI wurde der Turm 1824 vollendet, mit der Glockenstube mit Biforien, der Laterne in Form eines kleinen Tempels und der Kuppel. Die acht Glocken wurden 1857 geweiht.
Auf der Spitze steht ein 4 Meter hoher, mit Kupfer verkleideter Engel, ein Werk von Silvio Soà und Ignazio Bardani. Das Original zerstörte 1973 ein Blitz, später wurde es ersetzt. Bis zu den Füßen des Engels misst der Turm 88,5 Meter.




