Am Rand von Loreo, an der Straße nach Porto Viro, steht eine kleine Kirche, die viele für die älteste des Polesine halten. Sie heißt Madonna del Pilastro, und ihre Geschichte beginnt der Überlieferung nach mit einer Frau, die um eine Überfahrt bat.
Die Legende erzählt, eine „Signora“ (Dame) sei in den Hafen von Loreo gekommen und habe gebeten, nach Cremona gebracht zu werden. Der erste Schiffer jagte sie grob davon. Der zweite, ältere, nahm sie an Bord. In jener Nacht brach ein Sturm über den Fluss herein: Das erste Boot kenterte und sank. Das zweite war im Morgengrauen bereits in Cremona, eine Fahrt, die sonst drei Tage dauerte. Von der Passagierin keine Spur. Die Schiffer waren überzeugt, die Jungfrau Maria befördert zu haben, und an der Stelle entstand ein Oratorium.
Es gibt Varianten: In einer erscheint die Frau als alte Bettlerin, die Unterschlupf sucht, und drei Engel bringen das Boot nach Cremona; der Schiffsjunge erwacht beim Läuten der Glocken der lombardischen Stadt. Alle stimmen im Kern überein: Gastfreundschaft wird belohnt.
Die Kirche, den Quellen zufolge 1153 gegründet, wurde Mitte des 16. Jahrhunderts erneuert. An der Eingangswand zeigt ein großes Votivbild die beiden Boote, die abgewiesene Frau und Miniaturansichten von Loreo und Cremona.
Doch die Madonna del Pilastro birgt noch ein weiteres, ganz konkretes Geheimnis. Jedes Jahr in der Nacht vor dem Dreifaltigkeitsfest versammelt sich die Bruderschaft der Flagellanten, die „Fradèi“ (Brüder), im Oratorium der Trinità an der Piazza. Um Mitternacht legen die Novizen die rote Kutte, den Strick und die Kapuze an. Dann betreten die Brüder den Dom und vollziehen bei geschlossenen Türen und im Dunkeln einen Ritus, den nie jemand preisgegeben hat.
Gegen zwei Uhr beginnt die Prozession: rote Kapuzen, Fackeln, ein großes Holzkreuz. Der Zug legt etwa zwei Kilometer bis zur Madonna del Pilastro zurück, wo bis zum Morgengrauen für die Verstorbenen gebetet wird. Danach kehrt man zur Messe ins Oratorium zurück.
Um den öffentlichen Teil des Ritus zu erleben, genügt es, in jener Nacht in Loreo zu sein. Um das Bild der Schiffer zu sehen, lohnt der Abstecher zur kleinen Kirche del Pilastro zu jeder Jahreszeit.


